Review: (Mis)Understanding Photography @ Museum Folkwang, Essen

Barbara Probst Exposure #32, N.Y.C., 249 W. 34th Street, 01.02.05, 5:04 p.m., 2005 © Barbara Probst, Courtesy of Kuckei + Kuckei, Berlin

Barbara Probst
Exposure #32, N.Y.C., 249 W. 34th Street, 01.02.05, 5:04 p.m., 2005
© Barbara Probst, Courtesy of Kuckei + Kuckei, Berlin

Dem Licht beim Arbeiten zusehen

„(Mis)Understanding Photography“ im Essener Museum Folkwang: an ihrem 175. Geburtstag schaut die Fotografie auf sich selbst

Von Magdalena Kröner

FAZ vom 24. 07. 2014

„Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael. Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war. Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel’. Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr“. Nina Hagen textete diese visionären Zeilen im Jahr 1974.
40 Jahre später ist der Farbfilm zwar weitgehend aus der Fotografie verschwunden, doch das Medium feiert davon unbenommen einen sehr lebendigen 175. Geburtstag.

Die Ausstellung dazu gibt es nun im Essener Museum Folkwang zu sehen, und kuratiert hat sie Florian Ebner, der als Nachfolger Ute Eskildsens die Fotosammlung des Hauses verantwortet. 175 Jahre Fotografie – für Ebner bedeutet das: Stöbern im Archiv statt Tanzen auf der Galatreppe; kritische Selbstreflexion statt Jubelchor. Als Haltung paßt dies gut zu einer Kulturtechnik, die sich gegenwärtig anschickt, für jedermann so selbstverständlich zu werden wie atmen oder essen. Ein kritischer Blick auf sich selbst tut not, schließlich ist dem jungen Medium seit seiner Erfindung einiges passiert, das in der Flut technischer Neuerungen schon wieder droht, vergessen zu werden.

Gezeigt wird das erste Abbild eines Menschen in der Fotografiegeschichte: Louis Daguerres Blick aus dem Fenster auf einen Passanten auf dem Boulevard du Temple, von dem heute nicht sehr viel mehr übrig ist als eine angelaufene Metallplatte, übersät mit Blasen, Kratzern und Flecken. So hatte alles begonnen. Einen der vielen Endpunkte des analogen Kapitels der Fotografie zeigt Tacita Deans wunderbar melancholischer „Kodak“-Loop, ein 16 mm Film, den sie mit dem letzten Material, das aus der Maschine kam, in der französischen Kodak-Filmfabrik in Chalon Sur-Saône drehte, bevor die Hallen für immer geschlossen wurden. Das Danach markiert vielleicht eine Arbeit wie Adrian Sauers „16.777.216 Farben“; ein Wimmeln aus Punkten, die alle existierenden Farben des Bildbearbeitungsprogrammes Photoshop versammeln.

Die Frage nach der Materialität des Fotografischen macht Wolfgang Tillmans in einem eigens für das Museum gestalteten Raum zum Thema: er zeigt frühe Fotokopien, dazu glänzende grüne Kunststoffabzüge, die wie Fetische in durchsichtigen Boxen präsentiert werden; und einen großen Abzug, der wirkt wie ein abstraktes Gemälde. Tillmans hat ein unbelichtetes Blatt Fotopapier durch die Entwicklermaschine laufen lassen; die alten Silberspuren an der Walze wurden vom Papier aufgenommen und bilden ein zufälliges Raster.

Die Technik, die sonst hinter dem Bild verschwindet, sichtbar machen, die Prozesse, die es ergeben, in den Mittelpunkt stellen: immer wieder haben Künstler derart über die Eigenschaften, Möglichkeiten und Bedingungen des fotografischen Arbeitens nachgedacht. In den 70er Jahren fotografierte Timm Ulrichs das Ende eines Negativfilms und vergrößerte die Ergebnisse in seinen „Landschafts-Epiphanien“. Was aussah wie ein Blick auf eine abendliche Horizontlinie bei Sonnenuntergang, war bloß Produktionsabfall.

Konzeptuelle Positionen fragen: was bedeutet ein Bild eigentlich ohne Text? Die Bildserie „Evidence“ von Larry Sultan und Mike Mandel zeigt Fotobeweise, die ins Nichts führen. Ohne erklärende Beigabe wird das, was zum stichhaltigen Nachweis von etwas fotografiert wurde, zum surrealen Happening: warum liegt ein Mann in Astronautenuniform auf dem Teppich und macht Liegestütze? Was ist das für ein Stück Schrott, das in der Wüste liegt?

Zugleich verbergen sich hier zwei Ausstellungen in einer: zur Fotografie gehören neben den Bildern die Texte, in denen festgehalten wurde, was das neue Medium sein wollte und könnte. Da sind die Manifeste, mit denen Pioniere wie Fox Talbot, Man Ray, der 1929 riet, „Man muss dem Licht beim Arbeiten zusehen“ während John Heartfield 1931 konstatierte „Der Ausdruck „einen Film aufnehmen“ ist reaktionär, man muss sagen: „einen Film montieren (…).“ Begleitet wird der in Kabinetten präsentierte Parcours der Manifeste durch Künstlertexte, aber auch durch die verschiedenen Vereinnahmungsversuche durch politische Regimes, die um die Macht der Bilder wußten und ihre Kontrolle suchten.

Bevor man am Ende eines erschöpfenden Rundganges, angespornt von so viel geballtem ästhetischem Aufbruchswillen, sein Mobiltelefon zücken will, um an den Wärtern vorbei selbst ein paar Fotos zu machen, fällt der Blick auf das 1986 in Rio verfasste Pamphlet von Martin Kippenberger und Albert Oehlen. „Fotografie ist der Gott unter den Langweilern.“ steht da, und: „Die teure Fotografie sucht nach billigen Argumenten“ und schließlich…„je größer das Format ist, desto weniger Platz bleibt für abweichende Ansichten.“ Es lohnt sich wohl, die Sache noch einmal kurz zu überdenken.

Magdalena Kröner

Ausstellung bis 17. August, Katalog, Steidl, 10 Euro. Reader in Vorbereitung.

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