Report: Galerienszene Hongkong

Wang Wei, "Two Rooms", Edouard Malingue Gallery, Hongkong

Wang Wei, “Two Rooms”, Edouard Malingue Gallery, Hongkong

Gewachsenes Selbstbewußtsein

FAZ, 28. 03. 2015

Stars im Zentrum, Entdeckungen an den Rändern der Stadt: die junge Kunstszene in Hongkong etabliert sich

Die dritte Ausgabe der Art Basel Hongkong ist vorbei – doch die gute Laune aufgrund durchweg sehr guter Verkäufe klingt auch nach dem Ende der Messe in der Stadt nach. Wer es in der Messewoche nicht geschafft hat, hat nun Gelegenheit, die Galerien und Kunsträume der Stadt in Ruhe zu entdecken. Die Kunstszene Hongkongs gestaltet sich in dieser Hinsicht fast wie ein Spiegel der Messe: die international agierenden Galeristen- und Künstlerstars besetzten das Zentrum, doch die Kunst, die vor Ort entsteht und hier Relevanz besitzt, muß man eher an den Rändern suchen. Die junge Szene versteckt sich an den unterschiedlichsten Orten in der ganzen Stadt – nur nicht direkt im Zentrum, wo die Big Player sitzen. Der Stadtteil „Central“ mit seinen Nobelboutiquen und -Hotels scheint fest in der Hand jener Großgalerien zu sein, denen die exorbitanten Mieten nichts ausmachen. Zu den sehenswerten, erstmals in Hongkong gezeigten Künstlerinnen zählen hier Alex Prager aus Los Angeles mit ihren fiktiven Geschichten aus dem alten Hollywood, die sie in nostalgischen Farben bei Lehmann Maupin im Pedder Building erzählt, aber auch Ann Veronica Janssens konzentriertes Kabinett aus geometrischen Grundformen bei Vervoordt im Entertainment Building.

Alex Prager, Burbank, Lehmann Maupin, Hongkong

Alex Prager, Burbank, Lehmann Maupin, Hongkong

White Cube an der Connaught Road feiert die Hongkong-Premiere der brasilianischen Künstlerin Beatriz Milhazes. Die vornehmlich chinesischen Sammlergruppen, von Jay Jopling im weißen Kleinbus an den Messetagen eilig hin- und hergeshuttelt, waren begeistert von den kostspieligen Prilblumen des brasilianischen Star-Exports, die gleichzeitig poppig und abstrakt genug sind, um niemandem weh zu tun. (Preise 123.000-900.000 $)

Abstrakte Kunst, das zeigte auch die Messe deutlich, entspricht den Rezeptionsgewohnheiten der in diesem Jahr so dominanten chinesischen Sammler, und die Mehrzahl der Galerien auf der Messe stellte sich geradezu unisono darauf ein: am Stand von Almine Rech aus Paris fanden Aaron Curry und Xu Qu zu einer knalligen Mischung aus Skulptur und grafischer Abstraktion zusammen, Eleven Rivington aus New York zeigten auf der an Entdeckungen reichen „Discoveries“-Sektion den Neo-Minimalismus von Mika Tajima – die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Dazwischen prangte die Messe mit westlichen oder westlich geprägten Pop Art-Klassikern und spektakulären Großinstallationen, die wie gemacht zu sein schienen für die Möblierung der marmorglänzenden Lobbys der anonymen Wohn- und Geschäftshochhäuser, die das Stadtbild Hongkongs prägen.

Rauher und deutlich kritischer zeigt sich die Kunst in den Outskirts der Stadt, die in Arbeitervierteln wie dem dicht besiedelten North Point oder in Aberdeen gezeigt wird, wo in betriebsamen Fabrikgebäuden die auf junge asiatische Kunst spezialisierten Galerien zu finden sind. Die Galerie „Blindspot“ in Wong Chuk Hang zählt unbedingt dazu: vor fünf Jahren gegründet, ist sie wohl der beste Ort, um mehr über die kaum bekannte, vitale Fotoszene Hongkongs zu erfahren. Der Lärm der darunterliegenden Möbelfabrik dringt durch die dicken historischen Mauern; türkisblaue Farbe platzt dekorativ von den Wänden ab: in den Räumen der Galerie befand sich früher eine Wäscherei. „Blindspot“ zeigt „Museum of the Lost“ des Hongkonger Künstlerduos Leung Chi Wo und Sara Wong, die auch Mitbegründer des ältesten Hongkonger Projektraumes Para/Site sind.

 

Sie stellen anonym gebliebene Protagonisten aus berühmten, über die Jahre gesammelten Pressebildern im leeren Studio nach. Die Vereinzelung und Vergrößerung jener namenlosen Unbekannten ruft nicht nur das zugrundeliegende Ereignis noch einmal ins Bewußtsein; es illustriert zugleich die Mechanismen massenmedialer Berichterstattung und selektiver Wahrnehmung. (Auflage 5+ 2AP, je 6000 €).

Genevieve Chua, Moth 9, 10, 11, EXIT Gallery, Hongkong

Genevieve Chua, Moth 9, 10, 11, EXIT Gallery, Hongkong

In der trubeligen Satellitenstadt Aberdeen, die sich durch ihren Fischmarkt sehr nach Mainland China anfühlt, versteckt sich im altertümlichen „Blue Box Factory Building“ die Exit Gallery. Exit zeigt die erste Einzelausstellung der 1984 geborenen Künstlerin Genevieve Chua aus Singapur. Für ihre Serie „Moths“ hat Chua eine Reihe dunkler Silkscreenprints und Malerei auf Leinwand mitgebracht, die die Morphologie und zyklische Verhaltensmuster von Motten in abstrakte, grafische Strukturen übersetzen. Was lose an topographische Karten oder verzerrte Fernsehbilder erinnert, bildet die nächtlichen Wege der Motten während der Nahrungssuche ab oder den Rhythmus ihrer Flügelschläge zur Paarungszeit. Zugleich entwickelt Chua in ihren minimalistischen, objekthaften Arbeiten neue formale Strategien für die Ausführung und Präsentation eines scheinbar so traditionellen Mediums wie der Malerei. (Preise umgerechnet etwa 1000-9000 €)

Genevieve Chua, Swivel 8, EXIT Gallery, Hongkong

Genevieve Chua, Swivel 8, EXIT Gallery, Hongkong

Zu den wenigen, in der Stadt ansässigen europäischen Galeristen, die junge Kunst aus der Region vertreten, zählt seit fünf Jahren Edouard Malingue, Sohn des Pariser Galeristen Daniel Malingue. Zur Messe eröffnete er die Ausstellung „Two Rooms“ mit einer raumfüllenden Wandarbeit chinesischen Künstlers Wang Wei. Auf die Wand gemalte, leere Landschaften scheinen direkt aus einem Naturkundemuseum gestohlen worden zu sein – und werfen Fragen auf: wer ist hier Betrachter, wer Ausstellungsobjekt? Und wem gehören eigentlich die Bananenschalen, die auf dem Boden liegen?
Auf der Messe waren neben Werken junger europäischer Künstlern, die Malingue vertritt, vor allem Arbeiten von João Vasco Paiva, einem 1979 geborenen Hongkonger Künstler mit portugiesischen Wurzeln, begehrt. In der „Encounters“-Sektion fiel Paivas’ Arbeit „Mausoleum“ auf, ein riesiger Turm aus billigen, weißen Styropor-Boxen, wie sie überall in der Stadt als Transportkisten benutzt werden.

João Vasco Paiva, "Mausoleum", Encounters/Art Basel Hongkong 2015, courtesy Art Basel

João Vasco Paiva, “Mausoleum”, Encounters/Art Basel Hongkong 2015, courtesy Art Basel

„Dies war die beste Messe, die wir je hatten,“ resümiert Malingue, „und das nicht nur wegen der Verkäufe, sondern vor allem, weil wir, auch hier in der Galerie, den Eindruck bekamen, dass die Sammlerszene sich zunehmend offener gegenüber jungen, unbekannten Künstlern aus der Region zeigt, und nicht mehr nur nach den großen chinesischen und internationalen Namen verlangt.“

Eins wird nach diesem Rundgang durch die Stadt auf jeden Fall deutlich: nirgends stimmt der vom Westen ebenso unbedarft wie gebetsmühlenartig hervorgebrachte Satz „In Asien kommt die Kunst von oben“ wohl so wenig wie in Hongkong. Zu hoffen wäre nun, dass das gewachsene Selbstbewußtsein der jungen Künstler aus Hongkong, China und Singapur auch auf künftigen Ausgaben der Art Basel Hongkong verstärkt sichtbar wird.

Laufzeiten der genannten Ausstellungen: Alex Prager bei Lehmann Maupin bis 16. Mai; Ann Veronica Janssens bei Vervoordt bis 7. Mai; Beatriz Milhazes bei White Cube bis 30. Mai; „Museum of the Lost“, Blindspot Gallery noch bis 2. Mai; „Moths“, EXIT Gallery, bis 2. Mai; „Two Rooms“ bei Edouard Malingue noch bis 15. April.

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