Review: A Greater New York, MoMA PS1

Loretta Fahrenholz: Ditch Plains, 2013  HDV, 30 min Foto: Magdalena Kröner

Loretta Fahrenholz: Ditch Plains, 2013
HDV, 30 min
Foto: Magdalena Kröner

Great Greater New York


Eins muß gleich vorneweg gesagt werden: „A Greater New York“, momentan im MoMA PS1 in Queens zu sehen, ist die momentan wahrscheinlich wichtigste Ausstellung der Stadt.
Bislang funktionierte die seit dem Jahr 2000 alle fünf Jahre stattfindende Gruppenausstellung vor allem als Leistungsschau, auf der man, teils direkt aus den Abschlussklassen der Kunstschulen heraus, jene jungen Talente zeigte, die kurz darauf in die großen Galerien und Museen einzogen und auf Biennalen herumgereicht wurden. Zwischendurch, im Jahr 2005, gerierte sich „ A Greater New York“ im Nachgang der Ereignisse des 11. September 2001 betroffen und erging sich in einer zwar verständlichen, jedoch einseitig ins Politische verschobenen Zusammenstellung von Kunst.

Und jetzt? In ihrer vierten Ausgabe erweitert die Schau ihren Fokus, und bewegt sich dabei über den Mikrokosmos New York so weit hinaus, dass neben der aktuellen Kunstproduktion plötzlich Vergangenheit und Zukunft der Stadt sichtbar werden, ihrer Kunst und den gewandelten Bedingungen ihrer Entstehung. Das Thema dieser vierten Ausgabe von „A Greater New York“ ist die Stadt selbst; die im Alltag erlebte ebenso wie die ausgedachte und die gefühlte Stadt. New York wird hier zum Schauplatz einer zeitgenössischen Archäologie, die auf die Ränder schaut; die Verlorenes und in den Gemengelagen eines von Willkür und Zufällen dominierten Kunstmarktes Vergessenes ebenso zutage fördert wie Aktuelles, das erst entdeckt werden will.

„A Greater New York“ erzählt von den Möglichkeiten, für die New York einmal stand und von denen gegenwärtig nicht sicher ist, ob es sie so in Zukunft geben wird. Dafür haben die Kuratoren Peter Eleey, Mia Locks, Thomas J. Lax und der Kunsthistoriker Douglas Crimp nicht nur eine Auswahl von 157 Künstlern zusammengetragen, sondern auch Arbeiten aus allen Genres: von sozialem Realismus über Malerei, Mode und Konsumkritik über dokumentarische Fotografie bis zu Post-Internet-Art. All das ist hier, weil es eine Vielfalt zeigt, die zu verschwinden droht, so schnell wie die kleinen Galerien und Off-Räume gerade aus dem Stadtbild Manhattans verschwinden.

Alvin Baltrop, The Piers (With Couple angaged in Sex Act) (1975 -86), Courtesy Third Streaming, New York

Alvin Baltrop, The Piers (With Couple Engaged in Sex Act) (1975 -86), Courtesy Third Streaming, New York

Viele historische Positionen ermöglichen einen andersartigen Blick auf die Stadt, in dem sie Dinge zeigen, die es längst nicht mehr gibt: Alvin Baltrop etwa fotografierte für „The Piers“ in den 70er und 80er Jahren die Schwulen- und Stricherszene an den verlassenen Piers am Hudson River. Zu entdecken ist auch das filmische Tagebuch Nelson Sullivans, der jeden seiner Wege durch die Stadt mit einer Handkamera festhielt. Oder das immer gleiche Graffiti-Tag „The SAMO© “ das Henry Flynt im Jahr 1979 in den Straßen Manhattans fotografierte. Es wurde von den Künstlern Jean-Michel Basquiat, Al Diaz und Shannon Dawson als Protest gegen das Ende des Punk und die zunehmende Kommerzialisierung New Yorks auf Mauern und Türen gesprüht. Zu sehen ist auch ein erstaunlich historisch anmutendes New York, wie es die heute 85-jährige Fotografin Rosalind Fox Solomon ebenfalls in dieser Zeit fotografierte. Die „Structural Cuts“ von Gordon Matta Clark vervollständigen das Bild. Matta Clarks gleichzeitig brachiale und subversive Einschnitte, quer durch ganze Etagen eines Hauses hinweg, wirken mittlerweile fast romantisch: diese Art von Eingriffen wäre heute, in einem von Immobilienmaklern unereinander aufgeteilten und generisch bebauten New York kaum mehr möglich.

Rosalind Fox Solomon, Liberty Scaffolded, 1976, Courtesy die Künstlerin und Bruce Silverstein, New York

Rosalind Fox Solomon, Liberty Scaffolded, 1976, Courtesy die Künstlerin und Bruce Silverstein, New York

Die Brachen und Übergangsräume, die sich der künsterischen Neubesetzung und Überschreibung anbieten, verschwinden in geradezu atemberaubendem Tempo, seit Bürgermeister Bloomberg im Jahr 2005 begann, bislang geltende „Zoning Restrictions“ zu lockern und neue Bebauungsflächen zu erschließen, wie etwa im ehemaligen Künstlerviertel Williamsburg, das heute zu den teuersten Adressen der Stadt zählt. In Zeiten einer radikalen Gentrifizierung, die die Grenzen Manhattans längst hinter sich gelassen hat, und ohne Unterschied die vier anderen Boroughs Bronx, Queens, Brooklyn und Staten Island erfaßt hat und damit nicht zuletzt die Künstler immer mehr an die Ränder und damit in die Unsichtbarkeit drückt, scheint es umso wichtiger, mit Nachdruck daran zu erinnern, was New York einmal war, was es mittlerweile ist und was es sein könnte, wenn jemand auf die Künstler hören würde.

Das Chaos und die unbesetzten Flächen, die diese Künstler in ihren Arbeiten zeigen, gibt es nicht mehr, und so hilft die Kunst, daran zu erinnern, was die Stadt noch vor drei, vier Dekaden war: ein nicht unbedingt sicherer, aber lebendiger und erschwinglicher Ort, an dem Künstler sich ausprobieren konnten, sogar in SoHo, wo heute nur noch das Wohn- und Atelierhaus von Donald Judd an der Spring Street (mittlerweile ein Museum) an die sozialen und künstlerischen Experimente erinnert, die zu jener Zeit hier möglich waren.

Die Kuratoren haben sich auf eine Suche gemacht, die gerade in dem, was lange nicht mehr gesehen wurde, Fragen und Antworten gleichermaßen sucht. Dafür steht etwa John Ahearns Skulptur „Maria and Her Mother“ aus dem Jahr 1984. Das lebensgroße Paar findet sich in einem Raum voller skurriler Figuren und Chimären, wie man ihn im PS1 wohl so noch nie gesehen hat: einige stehen auf dem Kopf, einige kopulieren, andere baden in Suppentassen. Lange nicht gezeigt wurden auch die minimalistischen Objekte von Scott Burton, die nur auf den ersten Blick wie schicke Designermöbel wirken. Mit Burton, der im Jahr 1989 mit nur fünfzig Jahren starb, ist hier ein Künstler wieder- oder neu zu entdecken, dessen Werdegang so wohl nur in New York der ausgehenden 60er Jahre möglich war. Der Dramatiker, Essayist und Kritiker für Publikationen wie Artnews begann Ende der 60er Jahre, als Künstler und Performer zu arbeiten. Ab den 70er Jahren bezog er verstärkt selbst entworfene Möbel in seine Performances mit ein, die er als „pragmatische Skulpturen“ beschrieb.
Bevor man es als „sentimental“ und „didaktisch“ abtut, ein Werk wie das Burtons in diesem Kontext zu zeigen, wie es einige lokale Kritiker taten, sollte man kurz innehalten, und sich die Fragen ansehen, die dieses Werk bis heute aufwirft: Was sagt ein so seltener und auf so vielfältige Weise produktiver Werdegang wie der Burtons aus über bis heute geltende Konventionen der Kunstszene? Und: Wäre eine solche Karriere heute noch in New York möglich, oder vielleicht doch eher an anderen Orten des Landes wie dem mittlerweile erschwinglicheren Los Angeles?

Burtons Möbel waren einst gedacht als Stolpersteine für einen funktionalisierten öffentlichen Raum – und interagieren darin auf überraschenderweise mit dem 2015 entstandenen „Magic Mountain“ von Lutz Bacher, einem raumhohen Haufen gefährlich wirkender Objekte, die aussehen wie stachelige Wellenbrecher aus Beton. Sie versperren den Weg, auch wenn sie nur aus Schaumgummi sind. Solche Dialoge aus Gestern und Heute ergeben sich überall in der Schau. Dass das gelingt, liegt in der Art in der Inszenierung: ein ständiges, den Betrachter forderndes Hin- und Herspringen zwischen Stilen und Epochen von einem Raum zum nächsten. So entgeht „A Greater New York“ ihrer eigenen Musealisierung, verhindert aber ebenso die willkürliche Zuspitzung auf marktgängige Trends.

Greg Parma Smith Advanced Colored Pencil Techniques 3, 2011 (Advanced Colored Pencil Techniques) Foto: Magdalena Kröner

Greg Parma Smith Advanced Colored Pencil Techniques 3, 2011 (Advanced Colored Pencil Techniques) Foto: Magdalena Kröner

Auffällig oft entstehen Dialoge zwischen Werken einer älteren Malergeneration wie Robert Bordo oder Peter Saul mit aktuellen Positionen, so etwa mit den Malerei-Objekten des 1983 geborenen Greg Parma Smith. Seine „Pop Art for A New Age“, wie er sie nennt, scheint ebenso gespeist aus dem Flirren des Internets wie der überall in der Stadt allgegenwärtigen Werbung. Smiths plastische Collagen entzünden sich aber ebenso an der surrealen Schönheit alltäglicher Gegenstände, wie sie Claes Oldenburg oder Tom Wesselman wahrnahmen.

Loretta Fahrenholz: Ditch Plains, 2013  HDV, 30 min Foto: Magdalena Kröner

Loretta Fahrenholz: Ditch Plains, 2013
HDV, 30 min
Foto: Magdalena Kröner

In welcher Weise sich engagierte Vision und künstlerische Kritik heute auf New York beziehen, zeigt wohl keine Arbeit hier so eindrücklich wie „Ditch Plains“ von der 1981 geborenen deutschen Filemmacherin und Künstlerin Loretta Fahrenholz. Der Film, gedreht in East New York und Far Rockaway im Jahr 2013, entstand unter dem noch frischen Eindruck der Verwüstungen des Hurrikans „Sandy,“ der hier nicht als Naturkatstrophe inszeniert wird, sondern den Hintergrund einer abstrakt dystopischen Szenerie bildet. Die leere, nächtliche Stadt wird von gespenstischen Breakdancern bevölkert, deren Körper mit leuchtenden Neondrähten umhüllt sind. Zu zerfetztem, dumpfem Industrial-Sound tanzen Fahrenholz’ Performer über Zäune und Autos hinweg. Dabei sind sie zugleich agressiv, anziehend und vital: die imaginären Bewohner der Stadt, die im Moment der Verwundung von der eigenen Auferstehung träumt.

Doch die meisten Besucher von „ A Greater New York“ halten sich in einem Raum auf, in dem sich das, was aus dem Alltag vertraut ist, zu einer dichten Collage versammelt. Alle reden miteinander und zeigen sich gegenseitig etwas; die museale Ruhe ist dahin. Halbtransparente Regale aus Kunststoff sind eng gestellt wie in den Delis, den Tante Emma-Läden New Yorks, und sie sind dicht bepackt mit Gegenständen: Ein Wecker. Ein Kartenspiel. Ein Wasserkessel. Schlüssel. Kleiderbügel aus Aluminuim. Eine altertümliche Packung Kekse. Die Installation „KIOSK“ des gleichnamigen Künstlerduos bietet sich in ihrer Reminiszenz an Ready-Made und Kapitalismus Deutungen am leichtesten an; ein Trick, der trivial anmuten mag, aber als reale Performance funktioniert: sofort werden alte und neue Erzählungen generiert, in Echtzeit und von Angesicht zu Angesicht.

Stumm und staunend begegnet das Publikum hingegen den in einem abgedunkelten Raum gezeigten Miniaturstädten, die der 1984 geborene Brooklyner Künstler Ajay Kurian aus gefundenen Plastikobjekten baut. Hübsch anzuschauen ist das: improvisiert, chaotisch, bunt, jedoch unberührbar hinter Glas wie ein kostbares Exponat oder eine Reliquie. Kurians leuchtende, urbane Fiktionen lassen sich nur aus der Ferne bewundern – vielleicht wie die Stadt New York irgendwann selbst.

Diese Ausstellung entwickelt durch die vielgestaltige Beschäftigung mit Gegenwart und Vergangenheit vor allem eine Stärke: sie weist wie keine andere zuvor über sich hinaus in die Zukunft, an die sie Fragen richtet, die lange nicht mehr so wichtig schienen wie jetzt: Wie sieht die Stadt in fünf Jahren aus? Welche Themen werden wichtig sein? Und was wird die Kunst zur dann fünften Ausgabe von „A Greater New York“ zu sagen haben?

Laufzeit 11. Oktober bis 07. März 2016

Erschienen in Kunstforum International, Band 283

 

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