Review: Boris Becker, Landesmuseum Bonn

Boris Becker: Kurmuschel, 2014, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Boris Becker: Kurmuschel, 2014, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Unübersichtlichkeit als Methode

Schluss mit der Ordnung, Schluss mit den Hierarchien: Der Becher-Schüler Boris Becker sucht das Chaos. Eine Ausstellung im Landesmuseum Bonn.

erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Februar 2016

Auf den ersten Blick denkt man, es handele sich um Konfetti: Pink, Grün, Gelb, Türkis flimmern lauter kleine Papierstreifen auf dem Bild. Erst nach einer Weile wird deutlich, dass es Klebezettel sind. Boris Becker hat sie an einer Wand des Düsseldorfer Fotolabors Grieger fotografiert, dort also, wo die Stars der Becher-Schule ihre Bilder digital bearbeiten und in teils riesigen Formaten ausdrucken lassen. Bei genauer Betrachtung erweisen sie sich als Notate: lauter Namen, Hinweise und Korrekturmarken für die Laboranten der „Struffskys“. Für alle anderen Betrachter gleichen sie eher Hieroglyphen. Nun ließe sich trefflich darüber nachdenken, wann genau diese berühmten Fotografien eigentlich zur Kunst werden: beim Fotografieren? Bei der Bildbearbeitung? Oder entstehen die hochpreisigen Schätze der Düsseldorfer Schule erst in den Händen der namenlosen Bildbearbeiter? Man könnte auch darüber nachdenken, ob es sich bei diesem Bild um einen ironischen Kommentar des Fotografen handelt, um kritische Reflexion oder gar Hybris? Doch Boris Becker wiegelt ab. Er wolle vor allem ein abstraktes All Over erkennen, erklärt er, ein ungeordnetes Muster, ein zufällig gefundenes Bild. Mehr nicht.

Beckers neue Ausstellung im Bonner Landesmuseum heißt „Staged Confusion“ und er selbst betont im Gespräch seine neue Lust an der Unordnung. Dafür zeigt er Arbeiten, die kreuz und quer über den Globus verteilt entstanden sind und bei denen man lange vergebens nach Gemeinsamkeiten sucht. Zu sehen ist etwa der Blick auf die Dächer von Aleppo als menschenleeres Gewirr aus Balkonen und Satellitenschüsseln. Ein urbanes Ensemble aus Straßenmarkierungen, Grünfläche und Minigolfplatz unter einer Brücke im Kölner Rheinpark.

Boris Becker: Grünwald, 2012, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Boris Becker: Grünwald, 2012, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Eine unaufgeräumte Küche voll privatem Krempel. Ein Haufen Gummistiefel. Becker verzichtet in diesen Motiven auf durchgängige Formalismen, aber ebenso auch auf jede inhaltliche Einordnung. Hier wird die Unübersichtlichkeit zur Methode, und die Frage, was ein fotografisches Schauen ohne hierarchische Festlegungen ermöglicht, die gemeinhin das ausmachen, was wir uns unter einem „guten Foto“ vorstellen. Boris Becker legt sich nicht fest: er bestimmt Material und Format in Abhängigkeit von Motiv und Situation. Das macht sein Arbeiten flexibel, doch es macht den Fotografen und seine Haltung auch schwer fassbar.

Bereits in seiner ersten großen Retrospektive in Köln vor sechs Jahren ließ sich erkennen, wie sehr er den Zwang zur Serie zu durchbrechen versuchte, um dem Einzelbild im eigenen Oeuvre Bedeutung zu verleihen. Genaues Hinsehen macht allerdings deutlich, dass manche der Bilder, die den neuen Zugang zur eigenen Arbeit belegen sollen, bereits mehr als zehn Jahre alt sind und offenbar immer schon parallel zu jenen Motiven entstanden, die den 1961 geborenen Fotografen bekannt gemacht haben. Das wirft dann doch die Frage auf: was wird hier eigentlich gezeigt und warum? Der stete Wechsel aus Serie und Einzelbild soll, so der Künstler, „neue, assoziative Korrespondenzen“ erzeugen, produziert aber tatsächlich eine nicht unerhebliche Disparität: gerade im Verbund mit Arbeiten, die die alten Koordinaten der Becher-Schule wie Serialität, Zentralperspektive und Monumentalität erfolgreich ausloten, wird nicht klar, welchen Rang der Fotograf seinen Einzelbildern eigentlich einräumt. Die Ausstellung wird dominiert von bekannten Motiven Beckers: Aufnahmen theatralischer Innenräume in strenger Zentralperspektive, monolithische Gebäude in riesigen Formaten, Verpackungen oder Garnrollen als minimalistische All-Over-Arrangements.

Boris Becker: Opernhaus, Köln, 2013, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Boris Becker: Opernhaus, Köln, 2013, © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Es wirkt, als kehre der Fotograf, sobald er sich einen Moment lang einem zufälligen Bildfund überlassen hat, gleich wieder zur alten Übersichtlichkeit zurück. So entstand die Aufnahme eines havarierten Frachters in Zeebrugge im Jahr 2003: der Schiffsrumpf liegt quer wie eine riesige Skulptur, davor ein winziger Bagger. Im Inneren des Wracks lassen sich zahlreiche Details ausmachen: eingequetschte Autos, abgerissene Halteseile, Motorteile. Im selben Jahr entstanden weitere Bilder für eine seiner wichtigsten Serien, „Felder und Landschaften“, für die Becker die maschinengemachte Ordnung von Ackerfurchen katalogisierte. Die zentralperspektivische Aufnahme einer rostigen S-Bahn Brücke entstand wiederum 2014, als er auch das Durcheinander in einem Möbellager fotografierte.

Boris Becker, Zeebrugge, 2003 © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Boris Becker, Zeebrugge, 2003 © Boris Becker und VG Bildkunst, Bonn

Am Ende eines einigermaßen verwirrenden Rundganges, noch verstärkt von der komplizierten Ausstellungssituation des Bonner Landesmuseums mit seinen vielen Treppen, Emporen und Rampen, hätte man sich mehr Konsequenz gewünscht: wenn schon Chaos, dann richtig. Mehr Unordnung, weniger Symmetrie. Mehr neue Bilder zum Thema, weniger Bekanntes.
Vielleicht ist es ja so, dass diese Ausstellung eine Ahnung von dem gibt, wohin sich Beckers Werk in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Aber vielleicht eben auch nicht.

Boris Becker, Staged Confusion, LVR-Landesmuseum Bonn bis 20. März. Der Katalog, erschienen im Sieveking Verlag, kostet in der Ausstellung 19,90 €, im Buchhandel 29 €

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