Review: Liz Magic Laser @ Westfälischer Kunstverein

Liz Magic Laser "Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit", Westfälischer Kunstverein Münster, Installationsansicht Foto: Magdalena Kröner

Liz Magic Laser “Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit”, Westfälischer Kunstverein Münster, Installationsansicht
Foto: Magdalena Kröner

Live auf Sendung: der Westfälische Kunstverein zeigt die erste institutionelle Einzelschau der amerikanischen Künstlerin Liz Magic Laser in Europa

FAZ, 23. 08. 2013

Von Magdalena Kröner

Es mag mit der Natur der Sprache zusammenhängen, dass das englische “Public Relations” so viel lockerer und unverfänglicher klingt als das deutsche Wort “Öffentlichkeitsarbeit”. Das eine klingt nach entspanntem Smalltalk bei gekühlten Drinks, das andere nach Schweiß, Angst und Disziplin.
Die amerikanische Künstlerin Liz Magic Laser hat ihre Ausstellung im Westfälischen Kunstverein “Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit” genannt, in der sie zeigt, wie Öffentlichkeit in den USA und in Europa medial inszeniert wird. Sie beobachtet das Verhalten von Sendern und Empfängern im öffentlichen Raum. Sie will wissen, welche Beziehung die Medien zu ihrem Publikum haben. Sie beobachtet die Posen und Floskeln von Politikern ebenso wie den Durchschnittsbürger, der bei all der öffentlichen Arbeit an ihm als Medienkonsumenten schon mal die Übersicht zu verlieren droht.

Liz Magic Laser "Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit", Westfälicher Kunstverein, Münster, Installationsansicht Foto: Magdalena Kröner

Liz Magic Laser “Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit”, Westfälischer Kunstverein, Münster, Installationsansicht
Foto: Magdalena Kröner


Dafür verwandelt die Künstlerin die leicht aseptisch anmutenden, neuen Räume des Kunstvereins in eine Drehbühne, auf der alles sichtbar ist: die glänzenden Oberflächen eines Fernsehstudios und die dünnen Pappwände dahinter. Laser empfängt ihre Besucher in einem Raum, der eine Mischung ist aus nostalgischem Wiener Kaffeehaus mit ordentlich aufgereihten Zeitungen an der Wand und dem nüchternen Warteraum einer amerikanischen Behörde, komplett mit einem laufenden Fernsehgerät in der Ecke.
Zu sehen ist hier eine “Push Poll”, eine Meinungsumfrage auf der Straße, die Laser mit Schauspielern als Moderatoren und echten Passanten in New York inszenierte. Zum Thema “Wirkung von Meinungsumfragen auf das Ergebnis der kommenden Wahlen” verwickeln die Moderatoren eine Reihe überrumpelter Passanten in suggestive Gespräche und bedienen sich dabei aller möglichen Mittel der Manipulation. Die Moderatoren flirten, üben Druck aus, verdrehen Fakten. Dazu serviert die Künstlerin abgestandenen Kaffee und, auf Speisekarten gedruckt, Fragen an die Besucher, die es in sich haben: “Glauben Sie an die Nachrichten?” oder “Wann haben Sie das letzte Mal etwas getan, dass berichtenswert war?”

Liz Magic Laser "Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit", Westfälischer Kunstverein, Münster, Installationsansicht Foto: Magdalena Kröner

Liz Magic Laser “Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit”, Westfälischer Kunstverein, Münster, Installationsansicht
Foto: Magdalena Kröner

Nebenan ist eine Bar eingerichtet, an der es nichts zu trinken gibt. Eine Videoprojektion erhellt den Raum. In Münsters Innenstadt mit ihren betulichen Kulissen hat die Künstlerin eine Frau postiert, die unverkennbar aussieht wie eine Fernsehmoderatorin. Sie ist legitimiert durch Kostüm und Habitus, Kameramann und Mikrofon, und sie hat eine Menge Fragen. “Glauben Sie, dass Nachrichtensendungen darauf Einfluß haben, wie Politiker entscheiden?” will sie wissen. Und: “Was halten Sie vom Journalismus heutzutage?” Die Passanten geben bereitwillig Auskunft, wägen ihre Worte, zeigen sich kritisch: “Vom Journalismus halte ich sehr viel, wenn er gerecht und authentisch ist“, antwortet einer wie aus dem Lehrbuch “Journalismus? Davon gibt es viel zu viel“, meint ein anderer.
Ein in der Bar montierter, zweiter Monitor schaltet sich ein. Ein Zeitung lesender Mann ist zu sehen, der die Meinungsumfrage kommentiert: “Politiker lügen doch, sobald sie den Mund aufmachen. Alle korrupt!” Irgendwann beginnt er, direkt mit der Moderatorin zu sprechen, flirtet mit ihr, wird dann aggressiv: “Diese blöde Kuh! Macht mir ein schlechtes Gewissen, und wofür? Was hab ich denn damit zu tun?”

Die Installation Liz Magic Lasers könnte kaum aktueller sein. Medien sind wieder mal Thema: wir fragen uns, ob gedruckte Zeitungen sterben, wenn Amazon-Gründer Jeff Bezos die altehrwürdige Washington Post kauft. Whistleblower werden, je nach Blickwinkel, als Helden gefeiert oder als Aufrührer verurteilt. Nach dem Überwachungsskandal um die nationale amerikanische Sicherheitsbehörde NSA fragen wir uns, welchen Gefahren unsere medialen Selbstentblößungen im Internet ausgesetzt sind. Liz Magic Laser bricht die Komplexität der von Mediendiskursen bestimmten Tagespolitik herunter auf einfache Fragen: Wer arbeitet in der medialen Öffentlichkeit eigentlich für wen? Und vor allem: mit welchen Mitteln? Was steckt hinter dem, was wir gelernt haben, als objektiv zu empfinden?

Dass dies nicht zum Oberseminar für Medienwissenschaften verkommt, hat damit zu tun, dass Laser es schafft, in ihrem kritischen Ansatz über sich selbst hinauszuweisen. So geht es in diesem Werk auch um Theatralität; um Modi medialer Präsentation und szenischer Inszenierung, die für eine Kunstausstellung ebenso wichtig sind wie für eine Fernsehsendung. Und es geht um Brecht, auf dessen episches Theater die Künstlerin in ihren Arbeiten immer wieder Bezug nimmt. Sie hält ihrem Publikum die kritischen Fragen in großen Lettern entgegen, unmißverständlich und unausweichlich, tut dies jedoch so klug und unverkopft, dass man sich darauf einlassen mag.

Die Arbeit der 1981 geborenen New Yorkerin wäre jedoch kaum denkbar, hätten nicht Künstlerinnen lange vor ihr den Boden dafür bereitet: Andrea Fraser mit ihren kunstmarktkritischen Performances, Martha Rosler mit ihren politischen Interventionen, aber auch Gillian Wearing, die mit ihren postmodernen Erzählungen der Medienkritik Lasers wohl am nächsten ist. Laser synthetisiert die Arbeit ihrer Vorgängerinnen in einer Mischung aus Theater, Video, Burleske und Performance, die es so bislang nicht gab. Mit ihrer subtil fragenden Kunst offenbart sie die feinen Zäsurlinien zwischen Infotainment und vorgeblicher Seriosität, zwischen freier Entscheidung und Manipulation.

Ausstellung bis 22. September. Katalog in Vorbereitung.

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