Review: Katharina Sieverding @ Museum Schloß Moyland

 

 

Katharina Sieverding: "Weltlinie, 1968 - 2013", Installationsansicht, Museum Schloß Moyland Photo: Magdalena Kröner

Katharina Sieverding: “Weltlinie, 1968 – 2013″, Installationsansicht, Museum Schloß Moyland
Photo: Magdalena Kröner

Die Welt durchleuchten.

Entspannt in den Himmel schauen und der eigenen Musealisierung entgehen: Katharina Sieverding im Museum Schloss Moyland

FAZ vom 25. September 2013
Von Magdalena Kröner

Im Zentrum des dunklen Raumes glüht in kaltem Blau ein wandfüllendes Bild, das sich erst nach einer Weile als Film zu erkennen gibt. Er zeigt einen schäumenden Ball, aus dem Licht herausschießt; der immer wieder an unterschiedlichen Stellen aufplatzt und kurz vor dem Bersten scheint. Katharina Sieverding hat den 134 Minuten langen Film aus 100.000 von der NASA im Internet frei zur Verfügung gestellten Einzelbildern zusammengesetzt. „Die Sonne um Mitternacht schauen“ zeigt eine faszinierend komplexe Oberfläche, die sich nicht berühren ließe, ohne den Neugierigen zu zerstören. Die blaue Sonne ist ein Symbol für das Bild, das wir uns von der Welt machen. Was wir sehen und was uns anzieht, existiert bereits nicht mehr in dem Moment, in dem wir es sehen. Die Bilder frieren die Gegenwart ein und entfliehen ihr zugleich.

Für die mehr als vier Dekaden umfassende Schau „Weltlinie 1968-2013“ setzt Katharina Sieverding auf Zufall statt auf Chronologie. Im Zentrum der Ausstellung stehen raumhohe Projektionen: die Bilder fließen, scheinen unaufhörlich ineinander überzugehen. Hier wird deutlich, wie sehr das Sehen der Künstlerin immer schon filmisch war: alles scheint Schnitt, Gegenschnitt, Überblendung. Jeder Betrachter wird etwas Anderes sehen in dieser Schau, die sich als eleganter Bildstrom selbst belebt. In ihrer geradezu schwerelosen Inszenierung überschreitet Sieverding nicht nur Werkphasen, Dekaden und Genregrenzen; sie läßt auch die Gefahr der eigenen Musealisierung hinter sich, in dem sie das eigene, auf Vergrößerung und Überlebensgröße angelegte Werk neu sichtbar macht. Alles ist da: ihre wohl berühmteste Arbeit, der aus Paßbildern entstandene „Stauffenberg-Block“ von 1969, die „Steigbilder“, mit denen sie Deutschland 1997 auf der Venedig-Biennale vertrat, die naturwissenschaftlich inspirierten „Kristallisationen“ und die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Klaus Mettig geschaffene Serie „Transformer“ mit androgyn wirkenden Doppelportraits.

Katharina Sieverding: "Weltlinie, 1968 - 2013", Installationsansicht, Museum Schloß Moyland Photo: Magdalena Kröner

Katharina Sieverding: “Weltlinie, 1968 – 2013″, Installationsansicht, Museum Schloß Moyland
Photo: Magdalena Kröner

Sieverding ging es immer um Welthaltigkeit statt um letzte Wahrheiten. Wo manche Coolness und Kalkül vermuteten, sprach sie von Transformation und Intuition. Damit wurde sie eine von Deutschlands wichtigsten Künstlerinnen. Mehrfach nahm sie an der documenta teil, wurde mit dem Kaiserring ausgezeichnet, provozierte mit der Plakataktion „Deutschland wird deutscher“, setzte sich auch mal in Talkshows – und blieb umstritten. Katharina Sieverding ließ sich nie so einfach zuordnen, was der Kritik oftmals gehörig aufstieß: als „wohlfeile Anmutungen zu großen Themen“ wurden ihre statuarischen Bilder von manchen empfunden, als Zumutung und Anmaßung. Die überlebensgroßen Selbstportraits wurden immer wieder als Ausdruck eines tiefsitzenden Narzißmus gedeutet. “Der Kopf gehört ja schließlich auch zum Körper” sagt sie dazu.

Katharina Sieverding: "Weltlinie, 1968 - 2013", Installation Shot, Museum Schloß Moyland Photo: Magdalena Kröner

Katharina Sieverding: “Weltlinie, 1968 – 2013″, Installationsansicht, Museum Schloß Moyland
Photo: Magdalena Kröner

Sieverdings Autoportraits sind ekstatisch und suggestiv, aber sie sind nicht eindeutig: sie hält der Kamera ihr entspanntes, nur scheinbar regloses Gesicht hin, mal als metallisch glänzende Sphinxmaske, dann wieder rauh und unlackiert. Mal gibt sie den Kerl, mal die Sirene. Sie selbst spricht von der Haut als Membran und Seismograph und verweist auf minimale Veränderungen im Gesicht, das subtile Changieren eines Ausdrucks, einer Empfindung. Sie inszeniert das eigene Gesicht als archaische Chiffre, das von einer Einstellung zur nächsten verwischt, ausbrennt, in Unordnung gerät. Man muß diese Frau nicht sympathisch finden oder schön, aber das, was in ihrem Gesicht geschieht, läßt kaum jemanden unberührt.

Was man in diesen Portraitserien wie nebenbei auch zu sehen bekommt, ist, welch singuläre Position Katharina Sieverding innerhalb der feministischen Kunstszene von Beginn an einnahm. Sie setzte auf coole Oberflächen statt auf essentialistische Sinnsuche. Auch das Diktum vom Zurückwerfen des begehrlichen, männlichen Blicks, das Künstlerinnen ihrer Generation als Waffe benutzten, interessierte sie nur am Rande. „Den begehrlichen Blick ignoriere ich bis heute“ sagt sie. Und: „Man kann jedes Bild benutzen. Man muss wissen, wozu.“ Ihr war die Pose stets ebenso wichtig wie die Schminke, und vielleicht steckte darin mehr Wahrheit und mehr Welthaltigkeit als in den obsessiven Körpermanipulationen ihrer Künstlerkolleginnen. Dabei blieb Sieverding stets sichtbar; nie glitt sie in Maskerade oder Pastiche ab. Sie verarbeitete Persönliches, wie auch die eigene Krankheit, in kühlen Bildern, die sie im Archiv des Vaters, eines Radiologen, fand. Sie legte Muster aus dem Mikroskop aufs eigene Gesicht, verschmolz Blutplasma und Physiognomie. Sie eignete sich die Bilder an, in dem sie sie verfremdete.

Katharina Sieverding: "Weltlinie, 1968 - 2013", Installation Shot, Museum Schloß Moyland Photo: Magdalena Kröner

Katharina Sieverding: “Weltlinie, 1968 – 2013″, Installationsansicht, Museum Schloß Moyland
Photo: Magdalena Kröner

Und anstatt sich in Moyland nun quasi selbst in der Vitrine auszustellen, schaut Sieverding lieber in die alten Kisten und Stapel ihres Archivs, und es ist, als ob sie dabei einen Blick ins eigene Gehirn gewährt und in die Tiefen der kollektiven Erinnerung einlädt. Sieverding fotografiert Kartons mit „Spiegel“-Heften und Schachteln voller Einladungen zu Vernissagen. Sie entlarvt die Konstruktion von Zeitgeschichte auf den Covern von „Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin“ als artifiziell und manipulativ: Politik als Kunstgriff, die Welt als Visage. Mahatma Gandhi, Marilyn Monroe, Hermann Hesse, Fidel Castro, E.T.: die eigenartig vertrauten Gesichter sind längst zu Ikonen erstarrt. Sieverding zeigt die Welt als Fries aus verführerischen Oberflächen, die unverständlich bleiben, wenn wir sie nicht aktiv durchdringen.

Jedes einzelne der zahllosen, in Moyland aufflackernden Bilder verweist auf seine Hermetik und potentielle Rätselhaftigkeit. Es sind grundsätzliche Fragen übers Kunstmachen, die Sieverding stellt, und sie haben ebensoviel mit Medienkritik zu tun wie mit dem erweiterten Kunstbegriff ihres Lehrers Joseph Beuys. „Jedes Bild ist relational“, sagen Sieverdings Bildfolgen; „es verweist immer auf alles andere um sich herum. Kein Bild ist denkbar ohne die Gesamtheit aller Bilder, die in der Welt sind.“ Sieverding ist, bei allem Hang zum Monumentalen, eine Bilderforscherin, eine Bilderskeptikerin. Und am liebsten schaut die Künstlerin durch die Bilder und die Oberflächen der Welt hindurch.

Katharina Sieveridng: "Weltlinie, 1968 - 2013", Installation Shot, Museum Schloß Moyland Photo: Magdalena Kröner

Katharina Sieveridng: “Weltlinie, 1968 – 2013″, Installationsansicht, Museum Schloß Moyland
Photo: Magdalena Kröner

In Moyland fließt alles zusammen: das Archiv und das kollektive Gedächtnis, das Persönliche und das Politische, die absolute Gegenwart und die unsentimentale Rückschau. An den Oberflächen der Dinge, seien es nun die Sterne im All oder ein altes Magazin, entzündet sich unsere Imagination. Die Künstlerin führt vor, zu was diese Imagination fähig ist, aber auch, wie sie manipuliert und benutzt werden kann. Mag sein, dass diese Ausstellung die konsequenteste Form von Welterkenntnis formuliert, die Katharina Sieverding je gelungen ist: das künstlerische Bewußtsein zeigt sich als endloser, vom Zufall gesteuerter Strom der Bilder. Die Welt träumt sich selbst. Vielleicht braucht es mehr als vier Dekaden monumentalen Bildausstoßes, um sich das zu trauen.

Ausstellung bis 24. November. Katalog € 38.

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