Review: Das Beste vom Besten @ Kunstverein Düsseldorf

"Das Beste vom Besten", Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht

“Das Beste vom Besten”, Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Ware Kunst und wahre Kunst

Der Düsseldorfer Kunstverein fragt nach Wert und Wertzuschreibungen von Kunst

FAZ vom 13. Dezember 2013

Von Magdalena Kröner

Sie heißen „Power 100“, oder „500 Best Galleries“ aber allen Ernstes auch: „The Love List: Power Couples in the Artworld“. Jedes Jahr im Herbst ist die Aufregung groß, wenn die neuen Rankings der Kunstwelt erscheinen. Hier messen sich Künstler, Sammler und Galeristen mit sich selbst: wer erzielt die höchsten Preise am Markt? Wer verkauft am besten? Und wer gibt für die Kunst das meiste Geld aus? Mehr, einflußreicher, teurer: das scheint das Credo dessen zu sein, was diese Listen abbilden wollen. Vielen sind sie offiziell zuwider, doch manch einer googelt sich heimlich selbst, um etwas über seinen Stellenwert herauszufinden. Rankings sind so etwas wie die Olympiade des Kunstmarktes. In Deutschland veröffentlichte 1970 erstmals der „Kunstkompass“ ein solches Ranking. Das vergilbte Druckstück liegt nun in einer Vitrine im Düsseldorfer Kunstverein, und es stimmt nostalgisch: Lucio Fontana stand in jenem Jahr an der Spitze, gefolgt von Helen Frankenthaler, Winfried Gaul und Rupprecht Geiger. Viele der darauffolgenden Namen sind heute kaum noch ein Begriff.

Die Schau „Das Beste vom Besten“ will sich das „riskante Geschäft mit der Kunst“ einmal näher anschauen und sie könnte in diesen Tagen aufgeregter Rekordmeldungen vom Kunstmarkt kaum aktueller sein. Der Besucher wird begrüßt von Jeff Koons, der sich auf einem überlebensgroßen Foto mit seinem freundlichen Bankangestellten-Blick zu einem seiner blechernen Hündchen herunterbeugt. Ob er, als das Foto entstand, bereits wußte, dass einer seiner „Balloon Dogs“ für 58,4 Millionen Dollar versteigert werden würde und er als teuerster lebender Künstler an Gerhard Richter vorbeiziehen könnte, der diesen Platz bislang souverän besetzte? Geahnt haben mag er es: die Flasche Schampus steht schon bereit. Der Koons-Verweis ist jedoch der einzige, der in der Schau so direkt auf das jüngste Geschehen am Kunstmarkt weist. Kunstvereinsleiter und Kurator Hans-Jürgen Hafner zeigt sich mehr an den Mechanismen des Marktes als an aktuellen monetären Entwicklungen interessiert. Und das Beste an seiner Ausstellung ist, dass sie das, was sie im Titel verspricht, gar nicht zeigt. Statt teuerster Kunst versammelt er einen Haufen Zeug: Andenken, Klamotten, Drucksachen. Zwar gibt es auch ein bißchen Kunst zu sehen, aber vor allem: Paraphernalia jener öffentlichkeits- und marktwirksamen Inszenierungen der Kunstszene, durch die etwas erst zum Besten vom Besten gemacht wird.

Der Kunstbetrieb liebt es, sich selbst auszustellen. Ein Künstler wie Heimo Zobernig reflektierte bestehende Eitelkeiten und Begehrlichkeiten, indem er im Frühling 2010 eine Modenschau mit namhaften Mitgliedern der Kunstszene bei Christian Nagel in Berlin veranstaltete. Hier konnte man erleben, wie unter frenetischer Anteilnahme des Publikums Protagonisten wie Isabelle Graw, Kasper König und der Galerist selbst nur halbironisch in dekonstruierten Kleidern den Laufsteg herunterliefen. Nun sind sie hier zu bewundern, quasi als Meta-Skupturen. Im Jahr 1984 waren die Mittel der Selbstinszenierung direkter, wie ein Poster zeigt: die aufstrebenden Künstler Jörg Immendorff, Martin Kippenberger und die Oehlen-Brüder zeigten sich nackt und mit offensivem Blick in der Sauna.

"Das Beste vom Besten", Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht

“Das Beste vom Besten”, Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Diese Ausstellung macht deutlich: das, was wir über Wesen, Wert und Bedeutung eines Kunstwerkes zu wissen glauben und was sich idealerweise in harter Währung am Markt abbildet, ist vor allem Spekulation, Behauptung, Konstruktion. Hafner versammelt dazu Beispiele zeitgenössischer Bedeutungsproduktion, die den zunehmenden Abstand zwischen Kunst und Objekt untersuchen: Alfred Müller malt dilettantisch wirkende Bilder in Silber und titelt dazu: „Gute Bilder waren rar“. Das Künstlerduo PROVENCE zeigt ein skrupulös arrangiertes, nachlässig handbemaltes Porzellanservice, das auf der Grenze zwischen Artefakt und Unikat operiert. Eins der hintersinnigsten Exponate der Schau ist ein großer Orientteppich, der selbstbewußt in der Mitte des Raumes liegt. Das sicherlich teure Stück stammt von der nahen Königsallee, von einem Teppichhändler, der neuerdings auch mit namhafter Flachware in Öl handelt. Hafner betont, den Teppich als Reminiszenz an den in diesem Jahr verstorbenen Seth Siegelaub ins Haus geholt zu haben. Siegelaub war Galerist, Kurator, wichtigster Promoter der New Yorker Conceptual Art – und er handelte mit Teppichen.

Was die clever zusammengestellte Schau aber ebenso zeigt: wie wichtig im System merkantiler Lust an Spekulation und Wertkonstruktion diejenigen für das Bestehen des Systems „Kunst“ sind, die kritische Gegenbehauptungen aufstellen. Die krisenhaften 60er und 70er Jahre schienen die ideale Zeit für Protest gegen die Vereinnahmung durch den Markt zu sein; Robert Barry etwa ließ für sein „Closed Gallery Piece“ im Jahr 1969 die Galerie während der gesamten Dauer seiner Ausstellung schließen. Im selben Jahr schuf Dan Graham sein „Income (Outflow)-Piece“, für das er sich selbst zur Aktiengesellschaft machte und für 10 Dollar das Stück Anteile verkaufte.
Ein Modell, das bereits 140 Jahre zuvor populär war, wie die Ausstellung mit einem Blick auf das Jahr 1829 beweist. In diesem Jahr wurde der Düsseldorfer Kunstverein als Aktienverein gegründet, um für die Absolventen der hiesigen Kunstakademie Aufträge zu sichern und Ausstellungsmöglichkeiten zu schaffen. Moderne Kunstvermittlung paarte sich mit frühkapitalistischen Partizipationswünschen: die Idee des Kunstmarktes war geboren.

Die Fragen, die sich am Ende des locker gesetzten Parcours aufdrängen, sind unbequem: Muß die Kunst erst zur Ware werden, um in der Kunstszene und am Kunstmarkt wahrgenommen zu werden? Und was bedeutet es für Künstler, Händler und Rezipienten, wenn Kunst zur Ware wird? Ist das Wahre und Gute dann verloren? Welche Auswege gibt es aus dem Warenkreislauf der Kunst?

"Das Beste vom Besten", Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht

“Das Beste vom Besten”, Kunstverein Düsseldorf, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Klar ist: dies ist eine Ausstellung, die man öfter besuchen sollte, denn sie aktualisiert sich ständig selbst. Eben erkor die Zeitschrift Art Review Sheikha al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa al-Thani, die Schwester des Emirs von Katar, zur mächtigsten Kunstsammlerin des Jahres. Die Golfstaaten sind seit einiger Zeit so etwas wie das gelobte Land des Kunstbetriebs. Hier lassen sich Museen nach Gutdünken aus dem Sand stampfen, hier geben Scheichs viel Geld für Kunst aus, die im Westen längst durchgesetzt ist. Kaum passender dazu könnte die Arbeit von Fatima al Qadiri sein: sie baut aus drei Sperrholzwänden und billiger, grauer Auslegware einen offenen Raum, der unschwer als Messestand zu identifizieren ist. Die Wände sind leer, nur auf dem Boden findet sich eine kleine Tafel, auf der steht: „Inshallah We Do Business.“

Ausstellung bis 5. Januar, der Katalog kostet 12 €.

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