Review: Alicja Kwade @ Haus Esters, Krefeld

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Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Glanz in der Hütte

Alicja Kwade trifft Mies van der Rohe: eine installative Begegnung im Museum Haus Esters in Krefeld
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Januar 2014

Wenn sich man an einem dieser ungemütlichen Wintertage, vom Regen durchnäßt, von draußen ins Haus Esters flüchtet, könnte die Behaglichkeit nicht größer sein: es ist warm hier und sehr aufgeräumt. Alles glänzt und ist hell erleuchtet. Es ist ein bißchen wie Weihnachten, nur ohne Baum.
Bei genauer Betrachtung ist die Ordnung, die die Künstlerin Alicja Kwade hier geschaffen hat, trügerisch. Eine Uhr an der Wand tickt ordnungsgemäß, doch der Sekundenzeiger ist arretiert und das Zifferblatt dreht sich entgegen des Zeitverlaufs um ihn herum. Auf dem Boden liegen drei glänzende Spiralen aus gestanztem Metall wie riesiges, zusammengerolltes Geschenkband. In einem verdunkelten Zimmer neigen weiß lackierte Lampen ihre Köpfe zum Boden; eine der Lampen scheint sich bereits eingegraben zu haben wie ein Vogel Strauß. Eine Gruppe weiblicher Porzellanfiguren kauert um einen Haufen Goldschmuck. Es sieht hier aus, als habe ein gelangweiltes Kind das Haus seiner reichen Eltern umgeräumt.

Alicja Kwade, "Grad der Gewißheit", Haus Esters, Installationsansicht Foto: © Magdalena Kröner

Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Wie immer bei Alicja Kwade sind diese Skulpturen nicht nur schön, sondern voller Bezüge: die spiralförmigen Metallbänder sind Produktionsreste, die bei der Prägung von Euro-Centstücken übrig bleiben und deren Materialwert sehr viel höher ist als der nominelle Wert der daraus gemachten Münzen. Die nackten Porzellandamen wurden nach der in den Zwanziger Jahren entstandenen Skulptur „Die Trinkende“ des Berliner Bildhauers Ernst Wenck gestaltet und von der Manufaktur Rosenthal als Massenprodukt vertrieben. Der goldene Schmuck wurde aus dem Nachlaß einer Verstorbenen im Internet angeboten; Alicja Kwade hat ihn für wenig Geld ersteigert. Die weißen Lampen gelten ebenso als Klassiker wie das Haus, in dem sie stehen: die vom Bauhaus-Designer Christian Dell in den dreißiger Jahren erfundene, sogenannte Kaiser-Idell-Lampe ist bis heute eines der bekanntesten deutschen Lampenmodelle.

Alicja Kwade, "Grad der Gewißheit", Haus Esters, Installationsansicht Foto: © Magdalena Kröner

Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die 1979 in Kattowitz geborene, heute in Berlin lebende Künstlerin Alicja Kwade ist mit dem, was die Kritik gern „Alchemie“ nennt, längst zum Star geworden. Sie benutzt alltägliche Dinge für ihre Installationen und taktet sie neu, vervielfacht oder isoliert sie, überzieht Profanes mit Glanz und zeigt ehemals Glänzendes in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Sie schaltet Kostbarkeit und Schäbigkeit miteinander kurz und verbindet eine Neigung zum Talmi mit einer minimalistisch anmutenden Härte. Mal sind Kwades Installationen so aufgeräumt wie Werke des Minimal, mal funktionieren sie als Zitate von Zitaten wie direkt aus der Postmoderne.

Alicja Kwade, "Grad der Gewißheit", Haus Esters, Installationsansicht Foto: © Magdalena Kröner

Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Jede einzelne ihrer Arbeiten ist eine Meditation über Wert und Wertzuschreibungen: Kunst und Design behaupten, dass etwas wertvoll ist und speisen die Kunstwerke und die Produkte, die daraus entstehen, in gesellschaftliche und kulturelle Kontexte ein. Vervielfältigung kontra Einzigartigkeit, Standardisierung kontra Individualität: hier treffen sich Alicja Kwade und Mies van der Rohe.
Dessen Ende der Zwanziger Jahre als Privatvillen erbauten Haus Lange und Haus Esters haben sich in der Vergangenheit immer wieder für installative Eingriffe und Kommentare geöffnet: eine der besten Interventionen schuf im Jahr 2009 der kalifornische Künstler John Baldessari, der das Außen nach Innen holte, in dem er alle Räume mit einer Tapete beklebte, auf die die dunkelroten Ziegel der Fassade gedruckt waren. Das Ergebnis: jede Anmutung von Großzügigkeit und Transparenz wurde radikal ausgelöscht und das Haus zu einem fensterlosen Verlies. Alicja Kwade hingegen scheint entschlossen, Glanz und Kostbarkeit zu potenzieren. Der edle Schimmer ihrer Skulpturen wird vom polierten Parkett und den glänzenden Mahagonitüren zurückgeworfen, sie spiegeln sich in den riesigen Fenstern des Hauses. Sie drohten jeden Moment an der eigenen Verfeinerung und Veredelung zu ersticken, wäre da nicht eine Spur aus kleinen Steinchen, die sich wie Dreck, den jemand vergessen hat, wegzuputzen, durch einen der Räume zieht.

Alicja Kwade, "Grad der Gewißheit", Haus Esters, Installationsansicht Foto: © Magdalena Kröner

Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Blick durchs Fenster in den Garten zeigt, daß sich hier die Spur fortsetzt mit Steinen, die immer größer werden, bis aus den winzigen Kieseln tonnenschwere Brocken geworden sind. Die rohen Findlinge scheinen sich wie eine unaufhaltsame Prozession auf das Haus zuzubewegen und es zu durchdringen, einfach hindurchzumarschieren. Es wirkt, als hole sich die Natur, die das Material für Mies’ eleganten Bautraum gegeben hat, das, was ihr gehört, wieder zurück.

Alicja Kwade, "Grad der Gewißheit", Haus Esters, Installationsansicht Foto: © Magdalena Kröner

Alicja Kwade, “Grad der Gewißheit”, Haus Esters, Installationsansicht
Foto: © Magdalena Kröner

Diese Parabel auf den Kontrast aus Natur und Kultur, die Relativität kultureller Werte und den zwangsläufigen Verfall auch der wertvollsten Dinge, wirkt um so stärker, als der modernistische Hochmut von van der Rohes Häusern stets das Gegenteil zu behaupten scheint. Man hätte sich ein wenig mehr dieser Rauheit auch im Inneren gewünscht.

Ausstellung “Grad der Gewißheit” im Museum Haus Esters, Krefeld, noch bis 16. Februar.

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